Wasser nach Plan

Dieses Thema im Forum "Rund um die Pflege" wurde erstellt von Reinholx, 18. Oktober 2012.

  1. max4orchids

    max4orchids Guest

    Hallo,

    die Erdorchideen sehen beeindruckend aus! Ganz falsch kann die Methode also nicht sein, weil der Erfolg ja bekanntlich recht gibt ;-)

    Womit ich nicht klar komme, das ist die Abhängigkeit von Wassermenge und Temperatur, die doch entscheidend sein dürfte. Wenn ich die Pflanzen bei 20° C gieße, dann ist das eine Sache; gieße ich sie bei 28° C, dann ist das etwas ganz anderes - und wenn es im Sommer mal ausnahmsweise draußen annähernd 40° C hat, dann liegt noch ein ganz anderes Problem an.

    Wie komme ich jetzt mit einer feststehenden Gießtabelle hin, die einem einwöchigen Raster folgt? In der ersten Woche im Hochsommer sind es noch mittags 35° C - und plötzlich kommt ein Temperatursturz, so dass ich in der Folgewoche nur noch 15° C habe. Laut Gießplan bin ich aber im selben Monat, gieße also jeweils x ml - was in der ersten Woche viel zu wenig und in der zweiten Woche viel zu viel sein dürfte, gemessen daran, dass der "Normalwert" eigentlich für 25° berechnet war.

    Mag ja sein, dass sich das dann über die Wochen hinweg ausgleicht, was erklären würde, warum die Methode von einzelnen recht erfolgreich umgesetzt wird.

    Genausogut fährt aber jemand, der bei der Hitze gefühlsmäßig deutlich mehr und bei der Kälte deutlich weniger gießt als ein Mittelwert verlangen würde.

    Ich könnte mir aber vorstellen, dass es durchaus helfen könnte, wenn auf jedem Topf (auch wenn das nicht sehr schön aussähe) eine Gießkurve angebracht wäre, die zeigte, in welcher Phase sich die Pflanze am Naturstandort befände - sofern man das überhaupt weiß!

    Es wäre so gesehen durchaus wünschenswert, wenn vom Fachhandel nicht einfach nur der wissenschaftliche Name und eine Pauschalregel weitergereicht würde, sondern profundes Wissen über die Pflege, also mind. diese Gießwerte - aber dann bitte auch in Abhängigkeit zur Temperatur, so dass man das ggf. mit einer automatischen Tabellekalkulation jederzeit umrechnen und anpassen könnte.

    Wäre doch womöglich ein gewisser Wissens-Fortschritt oder nicht?

    LG max4orchids
     
  2. Reinholx

    Reinholx Guest

    Mühsam

    Es gibt diverse Aspekte zum Thema, die unten ja bereits angesprochen wurden.

    - Individuelle Pflege ist aufwändig; das muß man sich leisten können und wollen.

    - Orchideen sind duldsam; sie halten viel aus. Der Toleranzbereich ist groß.
    Es hilft , den "großen" Jahreszyklus zu berücksichtigen.

    - Wachstumsfaktoren bedingen sich gegenseitig. Es gibt diese schöne Wasserkübelgraphik. Der schwächste Faktor bestimmt das Wachstum.

    - In Kaufhäusern & beim Großgärtner werden üblicherweise (Mehrgattungs-) Hybriden angeboten. Dadurch relativiert sich das Problem und seine Lösung.

    Beste Grüße
    Reinhold
     
  3. max4orchids

    max4orchids Guest

    Das ist sicherlich zutreffend - aber darum schrieb ich ja bewußt auch vom Fachhandel (wo es natürlich auch [Mehrgattungs-]Hybriden gibt), wobei es bei nicht wenigen Orchideenliebhabern ja auch eine Rolle spielen dürfte, dass sie stolz darauf sind, die Bedürfnisse ihrer Orchideen selbst bzw. mit anderen hier im Forum herausgefunden zu haben - und nicht von einem Alleswisser vorgegeben zu bekommen.

    Man stelle sich eine Naturform vor, die es im eigenen Minigewächshaus à la Nespresso (mit ein paar Pflege-Kapseln) fertig zu kaufen gibt, zusammen mit computergesteuerter optimierter Beleuchtung, Belüftung, Temperierung, Bewässerung und Düngung, so dass man sie nur noch irgendwohin stellen und von Zeit zu Zeit, wenn die entspechende LED aufblinkt, eine neue Kapsel einlegen muss. Fertig. Ende.

    LG max4orchids
     
  4. unsane

    unsane Guest

    Moin

    @max4orchids,

    Dein Einwand mit den Temperaturschwankungen ist schon wichtig. Das ist ein gutes Beispiel dafür, das man seine Pflanzen weiter beobachten muss. Da ich bei meiner Methode jedes Individuum mindestens einmal in der Woche in der Hand habe, kann ich auch reagieren und auch mal vom Schema abweichen. Derartige Temperaturschwankungen gibt es aber auch an den Standorten. Am Standort weht Wind, der für Abtrocknung sorgt, im Zimmer erhöht die niedrige relative Luftfeuchtigkeit die Verdunstung. Das muss die Pflanze verkraften und kann es auch. Das gleicht sich über die Zeit wieder aus. Im Gewächshaus bei sehr vielen Pflanzen ist meine Methode sicher schwierig umzusetzen und wirklich nur als Hilfe zu gebrauchen.
    Ein anderes Beispiel sind Pflanzen mit einem großen Verbreitungsgebiet. Beispiel Nervilia plicata. Mein Typ hat einen um 3 Monate nach hinten verschobenen Wuchsrhythmus zu meinem errechneten Mittelwert. Die Pflanze hat am Anfang etwas gelitten und wurde kleiner. Ich habe dann mit der Wachstumsbewässerung gewartet, bis sie mir selbst gezeigt hat, wann sie oberirdisch wachsen will. Darauf hin habe ich die Tabelle einfach verschoben und jetzt funzt es.

    Ein großer Vorteil, den ich in dieser Recherche sehe ist, daß man auch Pflanzen "verstehen" kann, bei denen der Erfahrungsschatz noch nicht sehr groß oder sogar unbekannt ist. Wie soll ich z.B. eine Habenaria aus dem Hochland von Madagaskar pflegen? Meine 2 Knollen Habenaria alta-Sämlinge sind jetzt nach 1 Jahr Kultur schon 3. Noch besser ist Habenaria schimperiana, von 3 Sämlings-Knollen auf 8, in einem Jahr in einem 7 cm Töpfchen (der war ganz schön zerdengelt)! Wer kann mir schon für diese Pflanzen Kultur-Erfahrungen nennen, die über die allgemeine Aussage von "schwierige Kultur" hinausgehen?

    Betriebsanleitungen für Pflanzen wird es glücklicherweise (!) nie geben. Wo bleibt denn da der Spaß? Das gärtnerische Geschick und Einfühlungsvermögen muss, trotz aller Statistik, auch bei dieser Methode stimmen, sonst bringt es gar nichts.

    Tschüssing
    Stefan
     
  5. Reinholx

    Reinholx Guest

    Gießen nach Plan - emotionslos

    Wollte das Thema aktuell weiterstricken.
    Hier die beiden Protagonisten.
    GiesenNachPlan1.JPG
    Amaryllis belladonna + Eulophia Hyb.

    Sie schauen gerade so aus.
    GiesenNachPlan2.JPG
    GiesenNachPlan3.JPG
    Gesund + voll in Fahrt

    Belladonna tut was für ihr Bulbenwerk,
    Eulophia treibt, wahrscheinlich BTs.

    Und sie werden auf benachbarten Fenterbanken,
    vollkommen unterschiedlich nach Plan gepflegt.

    Der Plan? Schaut so aus.
    GiesenNachPlan4.JPG
    Antipotische Pflanzen nach Wasserbedarf.

    Es wäre krass falsch, sie über den gleichen
    Gefühlswasserfall zu schicken.

    Beste Grüße
    Reinhold
     
  6. CoffeeDevil

    CoffeeDevil Guest

    Die Klimatabellen der Herkunftsgbiete koennen immer nur einen sehr groben Anhaltspunkt geben, mit welcher Wassermenge, Luftfeuchte oder Temperatur eine Pflanze gepflegt werden kann oder sollte. Um eine genauere Richtung zu bekommen, gehören vor allem Bodenbeschaffenheit und Luftbewegung des Habitats dazu, sowie bevorzugte "Lagen". Dazu kommen noch sehr grosse Spannweiten des Mikroklimas am bisherigen Standort.
    Es sind aber zumeist nur die relativen Eckdaten erforderlich, keine exakten Zahlen.

    Nicht nur Pflanzen besitzen eine "innere Uhr" oder einen "Jahresplan", der die Prozesse und Phasen im "Jahres"zyklus steuert.
    Diese innere Uhr ist aber nicht starr, sondern richtet sich nach den aeusseren Einfluessen und nutzt auslösende Reize.
    Die notwendigen Reize wiederum haben genug Spielraum, um Schwankungen im aktuellen Klima/Wachstum abzufangen.
    Wird zB die Niederschlagsmenge als einer der Reize genutzt, ist die Regenmenge in l/qm relativ unwichtig. Wichtig ist der Reiz von wenig/maessig zu viel Wasser. Ähnlich verhaelt es sich mit Temperatur oder Luftfeuchte. Nicht die Einhaltung exakter Werte, sondern der deutliche Wechsel (innrhalb der Grenzwerte) ist auslösender Reiz.

    Dazu kommt noch ein artspezifisches Optimum, also Klimawerte, die eine optimale Entwicklung ermöglichen. Diese sind aber nicht immer im Klima des jeweiligen Habitats vorzufinden und können deutlich abweichen. Das Optimum erreicht man also nur durch die Einhaltung der Reize im Herkunftsgebiet (genetische Anpassung) verbunden mit Klima im Habitat der "prächtigsten Pflanzen" dieser Art.


    Auch die Länge der jeweiligen Phasen ist nicht starr.
    So lassen sich durchaus Wachstum, Bluete oder Ruhephasen verschieben oder im gewissen Rahmen stauchen und umsichtig dehnen.
    Wichtig ist nur, dass die geänderten Phasen relativ zueinender passen und die Pflanze genug Zeit hat, sich auf den nachsten Reiz "vorzubereiten".


    Als Pfleger ist es also wichtig zu wissen, welche Reize eine Pflanze nutzt, um in die jeweilige Phase zu wechseln, und unter welchen Bedingungen die optimale Entwicklung stattfindet. Genau hier setzt dann die Erfahrung der Pfleger ein, wie es der User "unsane" so schoen formulierte.
     
  7. Reinholx

    Reinholx Guest

    Danke Kaffeeteufel!

    Vielen Dank für die fundierte Antwort, lieber CoffeeDevil!

    Ich möchte dazu 2 Anmerkungen machen, ok?

    Wenn die Orchideen nicht so flexibel wären, dann könnten wir unser Hobbi glatt vergessen.
    Es gehört also Talent dazu, eine Orchidee umzubringen... der bekannte Spruch.
    Aber wieso bringen wir sie dann trotzdem um?
    Weil wir ihre Toleranzgrenzen überstrapazieren.

    Die Methode, sich mit dem Gießverhalten am Standort zu orientieren, hilft sehr.
    Sie ist überhaupt keine Garantie, weil noch diverse andere Faktoren mitspielen.
    Aber sie hilft, um sich auf der sicheren Seite zu bewegen.
    Oder, flapsig ausgedrückt, wenn man schon blind durch die Gegend stolpert, dann ist eine Taschenlampe willkommen.
    Oder, etwas generalisiert, dann hilft es, über diese Methode nachzudenken, um von schematischer Pflege ab- und zu systematischer Pflege hinzukommen.
    Letztendlich sollte man ein Gefühl für die Pflanzen entwickeln und nicht irgendwelche Kochrezepte abarbeiten.

    Am Beispiel läßt sich das gut sehen.
    Obwohl beide Pflanzen von der anderen Erdhälfte stammen, verhalten sie sich komplett anders.
    Eulophia ruht noch und kommt dann jetzt in die Wachstumsphase.
    Amaryllis hat ihren eigenen Rhythmus. Sie hat jetzt viel Speed, wird demnächst ihre Ruhepause antreten und im September, so die Garten-Götter wollen, zur Blüte austreiben.

    Es wäre ungut, beide Pflanzen gleich zu behandeln.

    Sie gleichzuschalten, ob das gelingen würde?
    Möglicherweise oder auch nicht.

    Beste Grüße
    Reinhold
     
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